Lipkin-Studie: XMRV weder in ME/CFS-Patienten, noch in Gesunden

Ian Lipkin at the bench (c) Wikipedia User Kjc2106Heute morgen, am 18.9., um 06:01 unserer Zeit, wurde im amerikanischen Journal mBio die lange erwartete "Lipkin-Studie" veröffentlicht, welche abschliessend klären sollte, ob ein Zusammenhang zwischen XMRV und verwandten Viren und ME/CFS besteht.

Die Studie, an welcher auch Dr. Judy Mikovits und Dr. Harvey Alter beteiligt waren, welche zuvor berichtet hatten, solche Viren, bzw. Sequenzen davon, im Blut von Patienten mit ME/CFS gefunden zu haben, kam zum Schluss, dass ME/CFS-Patienten nicht mit XMRV infiziert seien und sich daher die positiven Studien getäuscht hätten. Die Resultate seien auf Kontaminierung zurückzuführen.

Wenn auch der XMRV-Fund in vielen Patienten die Hoffnung geweckt hatte, es könne in absehbarer Zeit eine wirksame Behandlung für ME/CFS geben, sollte man sich durch diese Studie nicht entmutigen lassen. Die XMRV-Story hat im Endeffekt trotzdem die Krankheit ins Scheinwerferlicht gerückt und Weltklasse-Forscher wie Dr. Lipkin, Dr. Alter oder Dr. Ruscetti auf ME/CFS aufmerksam gemacht (Artikel zu diesen Forschern weiter unten, unter "Ressourcen"). Diese werden, wie sie angekündigt haben, an ME/CFS weiterforschen und auch daneben sind weltweit verschiedene vielversprechende Initiativen und Forschungsprojekte im Gang.


Der Verein ME/CFS Schweiz wird sich auch weiterhin dafür einsetzen, dass ME/CFS besser bekannt und vermehrt erforscht wird. Gerade in der Schweiz bestehen dafür erstklassige Voraussetzungen, was Einrichtungen, Personal und auch die finanziellen Mittel angeht. Diese Ressourcen müssen vermehrt genutzt werden, zum Wohle der Tausenden Betroffenen im eigenen Land. Es besteht kein Zweifel daran, dass seriöse, gründliche Forschung zu einem besseren Verständnis dieser ernsten Erkrankung und zu Therapien führen wird.

 

Ressourcen: (leider grösstenteils auf Englisch)

 

 

Hier die wichtigsten Zitate aus der Pressekonferenz und dem Podcast: (sehr lesenswert!)

(Bitte seien Sie sich bewusst, dass die Zitate von einem medizinischen Laien übersetzt wurden und es auf Grund des Zeitdrucks nicht möglich war, sie einem Arzt zum Korrekturlesen vorzulegen. Es kann daher für die Korrektheit der medizinischen Details darin nicht garantiert werden.)


Pressekonferenz:

Dr. Lipkin:
"Viele Leute mit ME/CFS haben mir in den letzten 12 Stunden geschrieben und ihre Sorge ausgedrückt, dass dies das Ende der ME/CFS-Forschung sei. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Alle hier an diesem Podium und Wissenschaftler rund um die Welt haben sich der Aufgabe angenommen, dieses Problem [ME/CFS] zu lösen. Es ist vermutlich eine Konstellation von Störungen, nicht unbedingt ein einziger Erreger, ob viral, bakteriell oder anderer Art.
Die Proben, die für dieses Experiment gesammelt wurden, werden eine ausserordentlich wertvolle Ressource sein, wenn es darum geht, Fragen bezüglich der Ursachen, der Behandlung, des Managements, der Pathogenese, der Grundlagen dieser Erkrankung zu beantworten. Und diese Proben wurden gesammelt und sind im Labor der Dres. Alter und Lo eingefroren. Sie werden qualifizierten Forschern zur Verfügung gestellt werden, welche dies durch die National Institutes of Health (NIH) beantragen. Ich weiss auch, dass es drei verschiedene Ausschreibungen gibt, wo finanzielle Mittel für solche Studien beantragt werden können."

"Wir glauben nicht notwendigerweise, dass ME/CFS eine einzige Ursache hat. Es könnten viele verschiedene Viren sein, die zusammenspielen. Als Beispiel Enzephalitis. Viele verschiedene Viren können Enzephalitis verursachen, auch Bakterien, es gibt auch Enzephalitis, welche mit Chemikalien oder Krebs zusammenhängt. Und es ist immer Enzephalitis. Dies [ME/CFS] könnte ein Syndrom sein, das viele Faktoren hat. Was wir tun müssen, ist die Epidemiologie zu verstehen, die Pathogenese, und es kann gut sein, dass wir dann eine Ära der personalisierten Medizin betreten werden, wo eine Person eine Behandlung für einen bestimmten Erreger benötigt, jemand anderes für einen Autoimmunprozess oder einen toxikologischen Prozess. Was immer angemessen ist. Wir haben einen offenen Geist. Was wir gemacht haben, ist das Material zu sammeln, das benötigt wird, um das auf eine systematische Art anzugehen."

Dr. Judy Mikovits:
"Wir haben unseren ursprünglichen Fund nun so gründlich widerlegt, dass diese Erreger, MLV, XMRV, im Blut vorhanden sind. Und viel des lympatischen Systems fliesst ins Blut. Wir haben im Plasma gesucht, im Serum, Deep Sequencing-Technologien verwendet, Culturing gemacht. Es [XMRV] ist einfach nicht vorhanden. Jetzt ist aber der Moment, dieses wertvolle Material zu nutzen und vorwärts zu marschieren. Das ist, worum es in der Wissenschaft geht. Das ist die Möglichkeit, die diese Studie den Patienten nun gibt und warum ich denke, dass es so wichtig war, dass die Studie dieses Level an Support erhielt, durch die NIH und die hier versammelten Forscher."

Dr. Lipkin:
"Hätte es diese XMRV- und pMLV-Story nicht gegeben, würde ich bezweifeln, dass ME/CFS die Aufmerksamkeit erhalten hätte, dies es nun hat. Die Forscher hier haben also ME/CFS ins Scheinwerferlicht gebracht und das wird auf Jahrzehnte hinaus einen Unterschied machen."

"Bezüglich der Frage, was es war, das falsch gelaufen ist, ist alles, was ich tun kann, zu sagen, wie es Judy, Frank und Harvey gesagt haben, dass ein Fehler gemacht wurde. Es kam zu Kontaminierung. Das kommt vor. Es ist keine perfekte Welt, wir tun unser Bestes. Die Wissenschaft ist selbstkorrigierend. Was wichtig ist, ist, dass man falsche Entwicklungen korrigiert und weiterschreitet. Und noch einmal: Wie Judy bereits gesagt hat, ist das Positive, dass jetzt die Aufmerksamkeit auf dieses Syndrom [ME/CFS] gerichtet ist. Es wird Fortschritte geben. Es gibt Material, Reagenzien, Techniken. Es arbeiten nun Leute zusammen, die zuvor nie zusammengearbeitet haben. Wir werden vorankommen."

Dr. Lipkin zu Untersuchungen in den 1990er-Jahren, im Zusammenhang mit der Hypothese, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Borna-Virus und ME/CFS gibt:
"Als wir das untersuchten und nicht in der Lage waren, einen Zusammenhang zwischen dem Borna-Virus und ME/CFS zu finden, war die Sache, die mich beeindruckt hat, dass es eine enorme Immunoreaktivität gab, die unspezifisch zu sein schien, in diesen Patienten [mit ME/CFS]. Zu einer Zeit, als andere sagten, das wäre eine psychosomatische Störung, sagte ich: "2/3 bis 3/4 der Leute, die wir studiert haben, haben eine polyklonale Aktivierung der B-Zellen. Diese Leute sind krank. Wir wissen nicht weshalb, aber sie sind krank." Das ist die Message, die wir senden möchten. Ich glaube, die Leute sind sich dessen nun bewusst."

Dr. Mady Hornig:
"Wir wissen, wie bereits von Ian [Lipkin] angesprochen, dass ein Teil der ME/CFS-Patienten eine Immunoreaktivität zeigen. Bestimmte immunologische Profile. Wir wissen nicht, was das bedeutet oder wieso es dazu kommt. Wir wissen nicht, welche Untergruppen innerhalb der Patientenpopulation am wahrscheinlichsten diese Abnormalitäten zeigen. Mit dieser Art Studiendesign [...] können wir aber nun beginnen, der Frage nachzugehen, was diese Zeichen sind, die uns an einige der Ursachen heranführen könnten."

Dr. Lipkin:
"Ich würde Sie dazu ermuntern, Ihre Kollegen, die Menschen mit dieser Krankheit oder verwandten Krankheiten und deren Familien und Angehörige zu motivieren, in diesen Gebieten der Medizin für die Forschung mehr Unterstützung zu verlangen. So passierte es bei Autismus und es machte einen riesigen Unterschied, was die Investitionen von Seiten der National Institutes of Health anging. Sogar beim Verteidigungsministuerium [bewirkte es etwas]. [In einer vorangehenden Passage erwähnte Dr. Lipkin auch HIV/AIDS als Beispiel für eine sehr erfolgreiche solche Patientenbewegung.] Das ist für Leute, welche an einer schweren Krankheit leiden, sehr schwierig zu bewerkstelligen, beim Verlangen dieser Unterstützung aggressiv zu sein. Aber ich denke, das ist, was Sie tun können. Was ich nicht sehen möchte, und deshalb bin ich etwas zurückhaltend, wenn wir darüber sprechen, Organe usw. zu untersuchen, ist, dass es etwas gibt, wo Leute ihren eigenen Körper spenden wollen. Ich würde Ihnen davon stärkstens abraten und ich kann persönlich sagen, dass ich bei so etwas nicht mitmachen würde. Es gab solche Beispiele und ich will das nicht ermutigen oder gutheissen. Ich würde solche Spenden nicht untersuchen. Wir arbeiten nur mit Proben in klinischen Studien, welche den normalen Prozess gegangen sind, und wo niemand zu Schaden kommt. Das ist grundlegend."

Dr. Alter:
"Ich glaube, was hier die Dinge beschleunigen wird, ist, dass es ein Umdenken gab. Bisher hat man nach Organismen gesucht, hauptsächlich Viren, als Ursache dieser Krankheit. Das wiederholte sich in den Studien. Nun schauen wir aber mehr auf die Einzigartigkeit des Wirts, des Patienten. Wir fragen uns, wieso bestimmte Leute auf häufig auftretende Viren anders reagieren als andere. Wieso gibt es eine Überreaktion, mit Produktion von Zytokinen, als Antwort auf Viren, mit welchen die meisten Leute in Kontakt kommen? Ich glaube, dass jetzt, mit der Technologie, die wir haben, mit der man all diese Dinge simultan anschauen kann, wie Ian gesagt hat, mit der man das gesamte Genom nach Viren durchsuchen kann und man auch die Reaktion untersuchen kann, alles vorstellbar ist. Alles kann simultan angeschaut werden. Ich glaube, dass dieser Ansatz die Antwort liefern wird. Und dass es nun schneller gehen wird, als in der Vergangenheit."

Dr. Lipkin:
"Das glaube ich auch. Als jemand, der nicht vom Bund angestellt ist, kann ich Ihnen sagen, dass wenn Sie laut werden und Lärm machen, man Ihnen wird antworten müssen. [...] Sie können sagen, dass wir in diesem Land gute Forschung und gute Medizin brauchen. Dass man hier vorwärts machen muss. Wenn auch meine Kollegen hier, die für den Bund arbeiten, hier nichts sagen können, würden sie mir im Privaten zustimmen."

Dr. Ruscetti:
"Ich möchte etwas zu dem sagen, worüber Ian, Harvey und Mady gesprochen haben. Die Antwort des Wirts. Und die Immunoreaktivität, die sie finden. Es ist eine günstige Zeit für Sie, um proaktiv zu sein, denn 90% davon, was wir über das Immunsystem wissen, wurde zu unseren Lebzeiten entdeckt. Als ich in dieses Feld hineinkam und versuchte, einen Artikel über ein Zytokin aus einer T-Zelle zu veröffentlichen, sagten mir alle Reviewer "Sie sind verrückt. T-Zellen produzieren keine Zytokine." Sie sehen also, was in den letzten 35 Jahren passiert ist. Es ist eine gute Zeit, um proaktiv zu sein, denn was wir über das angeborene Immunsystem wissen, welches die Immunantwort orchestriert, ist viel mehr, als was wir vor 30 Jahren wussten. Die Wissenschaftler müssen die neuen Technologien nutzen, wie es Harvey gesagt hat, aber die Organisation kann proaktiv sein, da es nun viel mehr zu lernen gibt."
[Einwurf von Dr. Alter:] "Mehr als wir vor 5 Jahren wussten, nicht vor 30 Jahren. Oder vor 4 Jahren."
[Dr. Ruscetti:] "Ja, stimmt, absolut."
[Dr. Mikovits:] "Und jetzt haben wir diese Proben, auf die wir zurückgreifen können, um Dinge zu untersuchen, wenn wir neue Dinge entdecken."
[Dr. Hornig:] "Und jetzt wo uns die Next Generation Sequencing-Techniken erlauben, tieferes und tieferes Sequencing zu betreiben. Integriert mit diesen anderen Techniken."
[Deborah Waroff aus dem Publikum:] "Bei Harvey's Bemerkung habe ich nicht ganz verstanden, ob er meinte, dass da bereits daran gearbeitet wird, in diesem Gebiet mit den Zytokinen usw. Oder ob er bereits jemanden kennt, der das plant? Ich habe die Zeitlinie nicht ganz verstanden."
[Dr. Alter:] "Ja, ich glaube, unser vorsitzendes Mitglied hier [er meint Dr. Lipkin] schreitet bereits in dieser Richtung voran. Und andere werden es auch tun. Es ist jetzt einfach so ein logischer Weg. Und die Technologie erlaubt das nun. In so einer Situation hängt es dann vom Geld ab. Und diese Dinge sind sehr kostspielig. Es stellt sich also die Frage, wo dieses Geld herkommen wird."


Podcast:

Prof. Raceniello:
"Du hast vor ein paar Minuten erwähnt, dass du hoffst, dass das das letzte mal war, wo Du mit XMRV zu tun hast. Es tönt aber so, als wärst Du an ME/CFS interessiert."

Prof. Lipkin:
"Das bin ich tatsächlich. Was wir tun ist... Wir haben im Moment 2 Efforts am laufen: Als erstes haben wir von der Hutchins Family Foundation einige Unterstützung erhalten, um bei ME/CFS-Patienten nach Pathogenen und Biomarkern zu suchen. Was wir getan haben, war zu all diesen und anderen Ärzten zu gehen, welche Erreger gefunden haben, mittels komerzieller Labors. Dann haben wir ein MassTag-PCR-System konstruiert, das uns erlaubt, in schneller Art und Weise nach deren führenden Kandidaten zu suchen. Und zusätzlich dazu werden wir Hochdurchsatz-Sequencing machen, auf der Illumina-Plattform.
Dann suchen wir auch nach RNA-Markern, wir suchen nach damit zusammenhängender RNase, nach allem, was uns erlauben würde, die Pathogenese der Krankheit zu verstehen oder Marker zu entwickeln, die bei der Diagnosestellung verwendet werden könnten oder eine Aussage darüber erlauben würden, wer auf eine bestimmte Therapie ansprechen wird. Wir haben auch ein grosses Proteomik-Projekt, das damit zusammenhängt. Ich bin total unvoreingeommen im Bezug darauf, was wir finden werden. Wir verwenden objektives Hochdurchsatz-Sequencing, bei der Proteomik ist es dasselbe. Das ist eine Plattform für Entdeckungen."

Prof. Racaniello:
"Wie verhält es sich mit dem Mikrobiom? Könnte das bei ME/CFS eine Rolle spielen?"

Prof. Lipkin:
"Das Mikrobiom... bei diesem Projekt wurden uns leider keine Ressourcen dafür zur Verfügung gestellt, diese Art von Proben zu sammeln. Ich denke aber, das ist etwas, was untersucht werden muss. Unter der Schrimherrschaft der Hutchins Family Foundation sammeln wir aber Rektal-Abstriche, damit werden wir also in der Lage sein, diese Art Material zu untersuchen."